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Ehrung der Jubilare in den hannoverschen Kreisverbänden

Der Saal im DGB-Haus in Hannover platzte in diesem Jahr aus allen Nähten, als die GEW Kreisverbände Hannover Stadt und Hannover Land am 16. November 2015 zu ihrer jährlichen Ehrung der Jubilarinnen und Jubilare mit mindestens 40-jähriger Gewerkschaftsmitgliedschaft einluden. Weit über 80 Mitglieder waren gekommen, um ihre Urkunden entgegenzunehmen, um zu klönen, um Kolleginnen und Kollegen zu treffen. Swidbert Gerken, der für seine 45-jährige Mitgliedschaft geehrt wurde war der Bitte der Kreisverbände nachgekommen als langjähriger Kreisvorsitzender den Blick auf und in „seine“ GEW zurück und nach vorne zu werfen.        

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Als ich auf Anfrage des Kreisvorstandes spontan zusagte, eine Rede zur heutigen Jubilarehrung zu halten, war mir wohl nicht ganz klar, worauf ich mich da eingelassen habe, insbesondere, da ich ja selbst zum Kreise der Jubilarinnen und Jubilare gehöre. Geht es doch heute darum, einen Blick zurück zu werfen, möglichst ohne zu verklären und die eigene Sichtweise überzubewerten. Also nicht im Sinne des Spruches: „Früher war alles besser!“

Da wir heute weitgehend unter uns sind, hoffe ich, auf Verständnis zu stoßen, wenn mir das nicht immer gelingt, denn alleine schon die Auswahl meiner Themen lässt sicherlich viele Wünsche offen.
Anfang der 70er Jahre waren wir jung, unternehmungslustig, standen am Beginn unserer beruflichen Laufbahn und wollten alles umkrempeln. Mir jedenfalls ging es so. Die gesellschaftliche Verdrängung der Nazi-Vergangenheit, die Leugnung individueller Verantwortung unserer Elterngeneration waren an ihre Grenzen gestoßen. Das Bildungssystem war verknöchert, die Erziehung autoritär, und vor allem als sich die Krisenhaftigkeit des Systems nach dem sogenannten Wirtschaftswunder wieder einstellte, gab es auf einmal wieder die Konflikte, deren Ursachen man dauerhaft für bemäntelt geglaubt hatte.
Viele von uns haben diese Zeit z. B. an den Universitäten als demokratischen Aufbruch erlebt, und wollten diese Erfahrung beruflich einbringen. Und dazu war der Boden ja auch bereitet: 5 große IGSen waren in und um Hannover entstanden, die Orientierungsstufe wurde eingeführt, die Durchlässigkeit im Bildungssystem erhöht (Reform der Sek II), neben den Kindergärten entstanden viele Kitas in Eigeninitiative und schulische Modellversuche (Glocksee) wurden ausprobiert (in Hannover Formen der Ganztagsschule und einer 6-jährigen GS).
Die GEW stand bei diesen Reformen in vorderster Reihe und erlebte einen großen Mitgliederzuwachs. Der Kreisverband Hannover war zwischenzeitlich der größte in der Bundesrepublik.
Wenn hier von Reformen die Rede ist, so war dieser Begriff noch positiv besetzt und zielte auf Verbesserungen. Grundlegend sollten Bildungsprivilegien abgebaut und die Chancen für alle Kinder verbessert und angeglichen werden. Eingebettet war dieser ideologische Ansatz in eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung, die den nationalen Rahmen sprengte, sich aber vor dem Hintergrund der bipolaren Weltordnung immer wieder rechtfertigen musste.
Diese Auseinandersetzung reichte weit in die innergewerkschaftliche Willensbildung hinein und war teilweise von einer Heftigkeit und Verbissenheit, als kämpften hier politische Gegner. Ich habe das als Student in Braunschweig auf Mitgliederversammlungen erlebt. Einzige Zielsetzung schien zu sein, die Gegenseite zum Gewerkschaftsaustritt zu provozieren. Als Gegenreaktion gab es den Versuch anhand von Unvereinbarkeitsbeschlüssen Vertreter unliebsamer linker Positionen aus der Gewerkschaft auszuschließen. So setzte sich innerhalb der Gewerkschaft fort, was in der Gesellschaft bereits undemokratisch praktiziert wurde.

So war es ausgerechnet der Hoffnungsträger Willy Brandt, der zur ideologischen innenpolitischen Absicherung seiner Ostpolitik meinte, strammen Antikommunismus praktizieren zu müssen und mit dem sog. Radikalenerlass den Landesregierungen grünes Licht gab, z. B. politisch unliebsame Lehrkräfte mit einem Berufsverbot zu belegen und diese Praxis auch noch mit dem Grundgesetz zu legitimieren. Dafür erfand das BVerfG den Begriff der fdGO, auf deren Boden wir alle zu stehen hatten. Auch wenn anders behauptet, waren die Berufsverbote vorwiegend gegen Linke gerichtet. Auf dem rechten Auge war und ist dieser Staat traditionell weitgehend blind. Aktuell zeigt sich das bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen, bei denen staatliche Institutionen eine beschämende Rolle gespielt haben, oder bei der Leugnung eines rechtsextremen Hintergrundes bei Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime. Schlimm, dass diese Vergiftung der demokratischen Gesellschaft bis in die GEW reichte und auch hier ausgerechnet der als links geltende Bundesvorsitzende Erich Frister glühender Verfechter der Unvereinbarkeitsbeschlüsse war und deshalb auf dem Bundeskongress mit der doppeldeutigen Parole begrüßt wurde : "Erich heißt der linke Frister!"-- „Erich heißt er, Linke frisst er!“. Übrigens ein schönes Beispiel für die Sinnhaftigkeit von Orthografie.

Die hannoversche GEW hatte nicht nur die Bekämpfung der Berufsverbote auf ihre Fahnen geschrieben, sondern auch Anteil daran, dass die Unvereinbarkeitsbeschlüsse in der GEW abgeschafft wurden. In dieser Frage gab es schließlich auch ein Einvernehmen mit der Landesebene, was in anderen Punkten nicht immer der Fall war. Die Rolle Hannovers in der Gesamtorganisation sollte so manches Mal weder dem Landesverband noch im Einzelfall der Bundesebene gefallen, dazu später ein paar Beispiele.

Selbstkritisch muss ich hier anmerken, dass der Stellenwert der innergewerkschaftlichen Auseinandersetzung manchmal bedeutender war als die Durchsetzung von Beschlüssen im Erziehungs- und Bildungssystem. Bei aller Freude über gute, oft aber auch nur knapp gefasste Beschlüsse wurde vergessen, dass man überzeugte Mehrheiten braucht, um diese in praktische Politik umzusetzen. Auch so lässt sich vielleicht erklären, warum sich die GEW mit ihren Vorstellungen in vielen Fällen nicht durchsetzen konnte.
Der Hauptgrund dafür dürfte allerdings der Tatsache geschuldet sein, dass das Gros der Mitgliedschaft verbeamtet und damit seines wesentlichen gewerkschaftlichen Machtmittels, des Streiks, beraubt ist.
Da nur eine Minderheit der Mitgliedschaft bereit wäre, auf die mit dem Beamtenstatus verbundenen Vorteile zu verzichten, hat die Forderung nach Abschaffung des Berufsbeamtentums auch in der GEW keine Chance, obwohl dies diametral zur sonstigen ideologischen Ausrichtung steht.
Und so hofft die GEW stattdessen darauf, das Streikrecht für Beamte gerichtlich zugebilligt zu bekommen. Im Kern geht es doch darum, Arbeitsplatzsicherheit, hohes Nettoeinkommen und eine gute Altersversorgung für alle zu erreichen. Für deren Erhalt müsste schon gekämpft werden, denn Verzicht zu fordern, kann natürlich keine gewerkschaftliche Strategie sein. Es ist aber nicht einzusehen, warum das an diesen anachronistischen und unsozialen Status gebunden sein muss.

Es kann zudem auch keine gewerkschaftliche Strategie sein, bei Auseinandersetzungen ständig die Gerichte zu bemühen und auf positive Urteile zu hoffen. Auch wenn sich gerade gezeigt hat, dass bezogen auf die Arbeitszeit die gerichtliche Auseinandersetzung erfolgreicher war, als unsere bescheidenen Versuche Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre mit streikähnlichen Maßnahmen und zivilem Ungehorsam etwas zu erreichen.
Es hat sich aber nicht nur gut angefühlt, gegen alle Drohungen und Widerstände in der Unterrichtszeit zu demonstrieren, sondern auf Dauer sind nur so bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung zu erreichen. Eine Erfahrung, die auch die GEW in den letzten Jahren gemacht hat, zumindest für die Organisationsbereiche, in denen sie angestellte Mitglieder hat. Wozu hätten wir auch sonst einen Kampffonds benötigt?
Stellvertretend für die mangelnde Kampfkraft mussten die Personalvertretungen widerspenstig sein, in denen die GEW nicht von ungefähr immer wieder die Mehrheiten stellt. Aber auch deren Möglichkeiten sind begrenzt und ihre Rechte wurden bei zu viel Aufmüpfigkeit einfach beschnitten.
Gerade in Zeiten der Lehrerarbeitslosigkeit war es schwer, eine prinzipielle Haltung aufrecht zu erhalten, um eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zu verhindern, weil die Einstellungsbehörden die Situation auszunutzen versuchten, indem sie Arbeitssuchenden befristete und schlechter bezahlte Feuerwehrverträge anboten. Viele junge Kolleginnen und Kollegen hätten solche Verträge akzeptiert, vor allem, da ihnen suggeriert wurde, nur so eine Chance auf eine dauerhafte Beschäftigung zu erhalten. Sie waren entsprechend sauer auf die GEW und die von uns dominierten Personalräte, die hier mit ihrer Ablehnungshaltung standhaft blieben. Es hat viel Kraft gekostet, den Betroffenen die allgemeine Problematik zu verdeutlichen, und im Nachhinein waren natürlich alle froh, dass es dann mindestens ordentliche Tarifverträge gab.

Die GEW hat sich auch immer als Organisation verstanden, die zu wichtigen gesellschaftlichen und internationalen Problemen Position bezieht. So war Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre der Widerstand gegen die Nachrüstung und die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen ein zentrales Anliegen. Der Kreisverband Hannover hat diese Auseinandersetzung aktiv in die Schulen getragen und musste sich gegen den Vorwurf wehren, die Schüler unzulässig zu instrumentalisieren (Beteiligung an kollektiver Kriegsdienstverweigerung und am Krefelder Appell). In vorderster Linie bei dem Versuch die gewerkschaftliche Arbeit zu diffamieren war immer wieder die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ).
Aber auch die innergewerkschaftliche Auseinandersetzung war nicht immer gleichermaßen fair, insbesondere, wenn Beschlüsse sich gegen Regierungen richteten, an denen die SPD beteiligt war. Auch wenn niemand das Prinzip der Einheitsgewerkschaft grundsätzlich in Frage stellen will, so wird hinter vorgehaltener Hand doch konzediert, dass die jeweilige Parteizugehörigkeit unterschiedliche Wertigkeit besitzt. Bei der GEW kommt erschwerend hinzu, dass bestimmte KultusministerInnen, wenn sie dann auch noch Mitglied der GEW sind, manchmal eigenartige Duldsamkeit erfahren (eigentlich sollte eine Gewerkschaft ja gegnerfrei sein). Im Konflikt um Arbeitszeitverlängerung und Altersermäßigung jedenfalls von der "lieben Frauke" zu reden, kommt bei vielen Mitgliedern nicht so gut an, aber auch der "liebe Rolf" hätte da eine klarere Kante verdient gehabt, die er vom Kreisverband Hannover auch bekommen hat, sehr zum Verdruss des Landesverbandes. Dabei hatte der "liebe Rolf" doch im Gefolge des "Lehrer sind faule Säcke"-Schröder-Gerd, die um eine halbe Stunde reduzierte Arbeitszeit wenig später um eine ganze Stunde erhöht.

Ein weiteres kleines Beispiel für innergewerkschaftlichen Dissens möchte ich anführen. Auch wenn der Internationalismus-Slogan: "Global denken - lokal handeln" im Sinne der landesweiten Beschlusslage war, konnte die konkrete Umsetzung ausgesprochen umstritten sein.
Ein Lehrer aus Namibia sollte als Austauschlehrer in Hannover unterrichten. Der Kreisverband startete eine Kampagne gegen dieses Ansinnen, war Namibia doch zu der Zeit ein Vasallenstaat Südafrikas und herrschte auch dort Apartheid. Öffentliche Empörung wurde geheuchelt, wieder mit der HAZ in vorderster Front, dass die GEW hier eine Hexenjagd gegen einen Kollegen, den man nicht einmal kenne, veranstalte. Bis in den Landesverband hinein und von anderen Bezirksverbänden gab es Tadel. Dabei handelte es sich nicht einfach nur um Missverständnisse, sondern in nicht wenigen Fällen um eine mangelnde gedankliche Leistung, wurde doch von uns immer wieder betont, dass es uns nicht um den einzelnen Kollegen und seine berufliche Existenz ginge, die ohnehin nicht gefährdet war, sondern um das Prinzip, mit einem Apartheidregime nichts zu tun haben zu wollen. Über die Informations-Veranstaltung u.a. mit einem Vertreter der SWAPO, der Befreiungsbewegung Namibias, die so einiges zur Erklärung unserer Haltung in der Öffentlichkeit hätte beitragen können, stand in der HAZ nichts.

Ein weiterer beliebter Vorwurf: Wir kümmerten uns nicht um die genuinen Probleme unseres Organisationsbereichs, wurde immer dann vorgebracht, wenn man die inhaltliche Auseinandersetzung in solchen Fragen vermeiden wollte. Als ob man das eine nicht tun könne, ohne das andere zu lassen. Ich verweise dazu nur auf die Rolle, die wir bei der Schulentwicklung Hannovers gespielt haben. Die Initiativen zum Aufbau weiterer IGSen wurden von der GEW organisiert. Der Trend, weg von den großen Gesamtschulen, hin zu kleinen vierzügigen Stadtteilschulen, angefangen bei der späteren IGS-List und der IGS-Vahrenheide hat in Hannover zu einer Schulstruktur geführt, die zumindest in die richtige Richtung weist, auch wenn die konkreten Bedingungen, z. B. einer sinnvoll ausgestalteten Ganztagsschule immer wieder aufs Neue eingefordert werden müssen. Errungenschaften von Schulreform müssen ohnehin immer wieder verteidigt und oft genug zurückgewonnen werden, wie es sich aktuell bei der Rückkehr zu G9 und in der Arbeitszeitfrage gezeigt hat.

Zieht man nach gut vierzig Jahren eigener Gewerkschaftsarbeit Bilanz, so fällt es deshalb manchmal schwer, die Erfolge zu sehen. Zumindest sollte es im Interesse der kommenden Generationen nicht sein, dass man den Konservativen das Feld der Bildung und Erziehung überlässt. In dem Zusammenhang hat es mich immer geärgert, wenn die Frage kam, was macht eigentlich die GEW?
Aber vielleicht ist das ja die ehrliche Frage eines "nur" Beitragszahlers. Auch ich habe mich einige Male über GEW-Beschlüsse und -Politik geärgert, wäre aber nie auf den Gedanken gekommen, deswegen gar auszutreten, wie es in Einzelfällen immer wieder geschehen ist. Es gab und gibt in der GEW real die Möglichkeit der Beteiligung und damit der Einflussnahme. Noch bestimmen die Ehrenamtlichen die Politik, und wenn die Zahl der aktiven zu gering wird, kann man nur hoffen, dass die wenigen Hauptamtlichen im beschlossenen Sinne funktionieren. Immerhin bleiben dann noch so wichtige Dinge wie der Austausch von Information, Publikationen, Rechtsschutz und eine gut geschulte Personalvertretung.
Je intensiver man in der GEW mitgemacht hat, desto größer ist meist auch die Identifikation mit der Organisation. Und eines kann ich mit Sicherheit sagen, dass die Gewerkschaftsarbeit mir meistens Spaß gemacht hat.

So lasst mich zum Schluss vielleicht wirklich etwas sentimental werden, indem ich das Stück "part of the union" von den Strawbs anführe, in dem es im Refrain heißt: "You don't get me, I'm part of the union. Til the day I die!"
Das Stück ist Anfang der 70er Jahre in vorausschauender Weise für diese Veranstaltung geschrieben worden, und es wurde herzhaft darüber gestritten, inwieweit der Text wirklich so pathetisch oder doch eher ironisch gemeint sei. Genau diese Ambivalenz passt gut zur GEW, und sei es nur, wenn bei uns am 1. Mai Sekt ausgeschenkt wird, statt Bier, wie bei einer „richtigen“ Gewerkschaft.
Ich hoffe jedenfalls und freue mich, euch, wenn schon nicht sonst, so doch einmal im Jahr am 1. Mai möglichst bei bester Gesundheit zu treffen: Til the day I die! - Til the day we die!